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Mehr als nur Dirndl und Lederhose

Bogenberg: Barbara Michal und ihr Buch über die Kleidung auf dem Land

Von Kopf bis Fuss Wie eine Gesellschaft lebt, spiegelt sich in ihrer Kleidung wieder: Ein Buch über Kleider und Leute auf dem Land hat Museumsleiterin Barbara Michal geschrieben.

„Tracht im Blick“ heißt ein Buch aus der Oberpfalz. – Nun gibt es eine Ergänzung aus niederbayerischer Sicht: Barbara Michal, die Leiterin des Kreismuseums auf dem Bogenberg, hat ein Werk verfasst, in dem sie – unter anderem – Tracht analysiert. Ihr Buch „Von Kopf bis Fuß. Kleider und Leute auf dem Land“ ist als Band 5 der Schriften des Kreismuseums Bogenberg erschienen, unterstützt vom Förderverein für Kultur und Forschung Bogen-Oberalteich, dem Kultur und Verschönerungsverein Bogen sowie dem Landkreis Straubing-Bogen. Vorgestellt wurde es beim Museumstag am Sonntag.

Es basiert auf der gleichnamigen Ausstellung, die in den Jahren 2015 und 2016 im Museum auf dem Bogenberg gezeigt wurde, geht aber über diese hinaus. Und: Man muss die Ausstellung nicht besucht haben, um mit dem Buch etwas anfangen zu können. Es erzählt die Geschichte der ländlichen Kleidung seit etwa 1800 bis zum heutigen Tag und verengt den Blick dabei keineswegs nur auf die Tracht – die es so, wie man sie sich heute oft vorstellt, im Übrigen gar nicht gab.

„Während das Dirndl und der Trachtenanzug heute jährlichen modischen Veränderungen ausgesetzt sind – Trachtenmode also –, versuchen Trachten-Vereine ihre spezifische Regionaltracht aus historischen Vorbildern zu rekonstruieren“, schreibt Barbara Michal beispielsweise. „Dahinter steht der Wunsch nach einer vermeintlich ,echten‘, beständigen Tracht im Gegensatz zur wechselhaften Trachtenmode.“ Tracht, so erläutert die Autorin, bezeichnete früher jedoch Kleidung ganz allgemein – und die war in der feudalen, hierarchisch gegliederten Ständegesellschaft in Kleiderordnungen festgeschrieben.

Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert. Durch die neue Freiheit „konnte in den dörflichen Oberschichten auf dem Land die Festtagskleidung zunehmend opulenter als eine Art Sonderkleidung ausgestaltet werden – jetzt Tracht im engeren Sinn“. Mit anderen Worten: Man zeigte, was man hatte. Das Erscheinungsbild orientierte sich Michal zufolge einerseits an alten adeligen Standards des 18. Jahrhunderts, integrierte andererseits aber auch Tendenzen der bürgerlichen Mode. „Nicht nur die bürgerliche Mode, sondern auch die Tracht auf dem Land wandelte sich.“

Gleichzeitig hätten sich Bürgertum und Obrigkeit für die andersartige Kleidung der sogenannten Volks-Trachten zu interessieren begonnen. „Der bayerische König Maximilian II. (1811-1864) initiierte Mitte des 19. Jahrhunderts eine politische Trachteninitiative zur ,Hebung des bayerischen Nationalgefühls‘.“ In den 1860er Jahren erschien eine umfassende bayerische Landeskunde, die „Bavaria“. Darin festgehalten: welche Tracht für welche Region typisch sei. „Tracht erschien jetzt als quasi unveränderliches Abzeichen des Landvolkes im Gegensatz zur angeblich schnelllebigen Mode der städtischen Bürger.“ Öffentlich vorgeführt wurde sie bei Umzügen wie dem Münchner Oktoberfest oder beim Gäubodenvolksfest.

Eine Gäubodentracht, die sich stark nach der Beschreibung in der „Bavaria“ richtet, ist die Tracht der Katharina Ludsteck, die das Museum auf dem Bogenberg besitzt und die auch den Buchtitel ziert – in einer alten Fotografie, aufgenommen um 1895. Angefertigt wurde diese Tracht extra für die Teilnahme am Oktoberfest, bei dem Katharina Ludsteck als Vertreterin der „Gruppe Alburg“ mitmarschierte. Gäubodenbäuerin war die Frau freilich keineswegs: Die Tochter eines Wagners stammte aus Bogen und lebte als Frau eines Kaufmanns in Straubing.

Was war eine Gäubodentracht in den Jahren 1900 bis 1930? Ein Faschings- oder Theaterkostüm... – In den ersten Trachtenvereinen, die in dieser Zeit bereits entstanden, wurde hingegen überwiegend Gebirgs- Tracht getragen. Die ansonsten übliche Kleidung wirkte bürgerlich; Reste von Tracht fanden sich allenfalls noch bei den Frauen in Kopftuch, Halstuch und Schürze. – Die „Trachtenerneuerung“, die zu den heute üblichen Erscheinungsformen der Tracht führte, begann erst in den 50er Jahren.

Aber längst nicht nur um Tracht geht es im Buch von Barbara Michal. Ebenso Thema sind Mode, Trachtenmode, ländliche Kleidungsstile und auch die Funktion uniformierender Kleidung im Zusammenhang mit diesen, früher und heute.

Ferner wird die Kulturgeschichte einzelner Kleidungsstücke behandelt, zuletzt geht es um das „Eigene“ und das „Fremde“: Dieser Teil geht auf zwei Fotoprojekte zurück, die im Rahmen der Ausstellung durchgeführt wurden. An diesen nahmen sowohl Landkreisbewohner als auch Geflüchtete muslimischen Glaubens teil, die in unserer Region wohnen. Michal: „Dabei gab es teilweise erstaunliche Parallelen zu unserem eigenen (früheren) Kleidungsverhalten.“

Die fotografierten jungen muslimischen Männer hätten sich in westlicher Art angezogen, die jungen, meist verheirateten Frauen jedoch trugen längere, die Figur verbergende Oberteile sowie oft Kopftuch. „Vergleicht man diese Aspekte mit der hiesigen Kleidungsgeschichte, sieht man, dass auch bei uns verheiratete Frauen noch nicht so lange ihren Kopf und ihre Haare unbedeckt zeigen können und dass sie sich erst seit etwa 100 Jahren nicht mehr mit langen Gewändern verhüllen müssen. Auch bei uns gab es bis ins 20. Jahrhundert hinein ein patriarchalisches Gesellschaftssystem – kleidungsmäßig ausgedrückt in den ,Hosen‘, die nur der Mann ,anhatte‘, im Gegensatz zum Kleid der Frau.“

Das Buch zeigt nicht nur Entwicklungen auf, sondern entlässt seinen Leser auch dankbar für die Zeit, in der wir leben. Eine Zeit, in der jeder tragen darf, was ihm gefällt – und er sich ein neues Kleidungsstück, das er kaufen möchte, in der Regel auch leisten kann. Dass dieses in der oft gar nicht so guten, alten Zeit ebenfalls ganz anders war, zeigen Beispiele von umfangreichen Stopfarbeiten an fast aufgetragener Männerunterwäsche ebenso wie Mieder mit Flickwerk-Futter oder Leibl aus grobem Leinen, die Dekor nur an den sichtbaren Stellen aufweisen.

Andrea Prechtl

Info: Das Buch „Von Kopf bis Fuß. Kleider und Leute auf dem Land“ von Barbara Michal, Band 5 der Schriften des Kreismuseums Bogenberg (204 Seiten, 324 Abbildungen, 19,80 Euro), kann an der Museumskasse erworben werden. Über den Buchhandel ist es ebenfalls zu beziehen.


pdfZeitungsbericht: Mehr als nur Dirndl und Lederhose