Sage hat immer ein Ausrufezeichen

Oberalteich: Josef Fendl stellte skurile Überlieferungen vor
Pressebild Josef Fendl 
Geschichtenerzähler Josef Fendl referierte über die Sage. (Foto: erö)


(erö) Eine Märchen-, nein Sagenstunde vom Feinsten bot Josef Fendl – Geschichtsforscher, Geschichtenerzähler und Autor – seinen gespannt lauschenden Zuhörern beim zweiten Literaturabend des Fördervereins für Kultur und Forschung im Kulturforum Bogen/Oberalteich. Als Sprüchemacher im besten Sinn hatte Hans Neueder vom veranstaltenden Kulturförderverein Josef Fendl angekündigt. Und die Zuhörer wurden nicht enttäuscht. Denn Josef Fendl hat immer eine Menge zu erzählen.

So erinnerte er gleich zu Beginn an das traurige Schicksal der Agnes Bernauer, die am 12. Oktober 1435 bei Hornstorf in der Donau ertränkt wurde. Doch an diesem Abend ging es um Anderes, um das Wesen und die Poesie der Sage. Nein, eine Märchenstunde bot Josef Fendl seinen Zuhörern nicht, „denn die Sage ist verortet, an Namen und Orte gebunden. Das Ereignis könnte so oder ähnlich passiert sein. Das erhöht die Glaubwürdigkeit“, sagt Fendl.

Demgegenüber handelt ein Märchen in unbestimmter Zeit und an unbestimmtem Ort. Eine Legende dagegen betrifft immer etwas Heiliges. Diese Erklärungen untermalt Fendl auf seine gewohnt unterhaltsame Weise mit den schönsten Beispielen aus seinem reichen Schatz an Sagen aus dem vorderen Bayerischen Wald und vielen bekannten Namen. Unerklärliches ist meistens dabei, wie die Geschichte vom Mönch, der dem Vogel der Ewigkeit lauscht und erst nach Jahrhunderten ins inzwischen fremd gewordene Kloster zurückkehrt. Oder viele Geschichten vom unheimlichen „Hörndlmeier“ mit seinem grünen Hütl, der so gern mit leichtsinnigen Madeln tanzt. Versteht sich, dass so ein Tanz für die Dirn nicht gut ausgeht. Fendl erzählt von früher, als im Dämmerlicht von Kerze oder Petroleumlampe die Geistergeschichten gediehen, von Totenwachen, als Gebet, Trauer und Brotzeit zusammengehörten. Eingestreut werden gleichsam nebenbei so trockene Fragen wie: „Woant ma bei eich scho vom Haus weg oder erst am Grab?“ Fendl erzählt aus der eigenen Kinderzeit, als die Kinder meist nur im Winter zur Schule gingen und ein Scheit Holz zum Unterricht mitbringen mussten. Er bringt, in schönstem Bayerisch natürlich, Sagen von Hexen, Zauberern, von unheimlichen Mühlen, - „das sind Stätten der Umwandlung“ - Kapellen oder Marterl.

Er deutet Orts- und Hausnamen und stellt klar: „Sagen wenden sich gegen das Falsche und für das Gute. Deshalb haben sie hinten immer ein Ausrufezeichen.“ Und dieses Ausrufezeichen macht Fendl dann mit erhobenem Zeigefinger deutlich. Im Laufe des Abends rutscht ihm die Brille immer mehr auf die Nasenspitze, seine Stimme wird tiefer, die Spannung steigt.

Skurriles wie die Geschichte von der Mühle, wo der Teufel Rossäpfel mahlte, während der Müller im Wirtshaus saß, wechselt ab mit Lustigem vom Pfarrer in Bodenmais, der seine Schäfchen daheim besuchte und zur Abschreckung Teufelsgeschichten erzählte. Es gibt Sagen gegen unmäßiges Fluchen, gegen Kartenspielen zur Unzeit, gegen Habgier, Hartherzigkeit, Missgunst, Neid und andere, allzu menschliche Eigenschaften. Erzählen tut sie Fendl voller Liebenswürdigkeit und mit einem Augenzwinkern, auch wenn er am Schluss wieder warnend den Zeigefinger hebt. Denn hinten hat ja jede Sage ein Ausrufezeichen...

 Zeitungsbericht: Vortrag von Josef Fendl