Vornehme Zurückhaltung

Oberalteich: Junge Pianistin spielte
Pressebild Anna Radchenko 
Die Pianistin Anna Radchenko zeigte im Kulturforum ihr Können am Klavier. (Foto: erö)

Die 7. Sonate von Ludwig van Beethoven trägt einen Kern des Missverstehens in sich. Nicht zuletzt aufgrund der Widmung an eine Schülerin, zu der er in Leidenschaft entbrannte, jedoch wegen des Standesunterschiedes, sie war eine Comtesse, für ihn unerreichbar war. Eben diese Widmung wurde und wird nicht allzu selten von Pianisten zum Anlass genommen, diese Sonate als Ganzes als eine Art emotionales Liebesgedicht zu deuten. Zweifellos enthält dieses Werk, vor allem im 4. Satz Elemente schwärmerischen Verliebtseins, aber diese „Grande Sonate“, wie sie Beethoven selbst bezeichnete, beinhaltet weit mehr: Wesentliche Teile sind ein Vorgriff, mehr als nur eine Vorahnung, auf die Romantik, ein Bruch mit der klassischen Welt Joseph Haydns, stattdessen elementare Eruptionen, kraftvolle Akkorde, eingebettet in sanfter Lyrik, ausufernd, trotzdem ein untrennbares Ganzes bildend.

Anna Radchenko, Absolventin des Staatlichen Konservatoriums Moskau, nunmehr Studentin für „Master of Music“ bei Professor Ulrich Schwarz, Leopold-Mozart- Zentrum der Universität Augsburg, erlag nicht der Versuchung, wie zahlreiche andere Pianisten, bei dem 1. Satz dieser Klaviersonate op 10.3 jegliche Contenance zu vergessen, vielmehr ermöglichte ihre vornehme Zurückhaltung besonders die Anschlagstärke der Akkorde betreffend, feinste Facetten herauszuarbeiten. Den 2. Satz, das „Largo con grand espressione“ missdeutete die Künstlerin, trotz ihrer Jugend nicht als verträumtes Liebeslied, sondern erkannte die Intention dieses Satzes, grenzenlose Einsamkeit, Einkehr in das eigene Innerste.

Anna Radchenko eröffnete den Klavierabend im Kulturforum Oberalteich mit zwei Sonaten, K. 87 und K. 377 von Scarlatti. Gerne werden Scarlatti-Stücke zur Eröffnung eines Klavierkonzertes gespielt, nicht nur zum Einspielen, sondern leider auch manchmal damit die Pianisten gleich zu Beginn ihre Fingerfertigkeit mit viel zu raschem Tempo zeigen können. Einen ganz anderen Scarlatti führte die junge Dame aus Moskau den Besuchern der Veranstaltung des Vereins für Kultur und Forschung Bogen- Oberalteich vor Augen, den Scarlatti der cantilenen Melodien, sinnlich und klangschön. Das Hauptaugenmerk scheint Anna Radchenko nicht primär auf Virtuosität, mehr auf gefühlvollen Ausdruck zu legen. Eine Schiene, auf der sie voll im Trend der Zeit liegt.

Unbestreitbar hält Frédéric Chopins Sonate h-Moll, op 59 keinen Vergleich zu Beethovens op. 10.3 stand, doch enthält Chopins Sonate eine Fülle schöner Einfälle und fordert einiges an technischem Können und die Fähigkeit, weite Melodienbögen in ihrem Zusammenhang zu erfassen. Anna Radchenko spielte diese Chopin-Sonate mit Esprit und sehr schönem Anschlag. Noch besser gefiel allerdings ihre Interpretation des bekannten „Fantasie-Impromtu cis-Moll op. 59“.

Franz Liszt bearbeitete eine Anzahl von Kompositionen anderer Komponisten für Klavier. „Highlights“ aus bekannten Werken für Orchester oder auch aus Opern wurden hierdurch in die kleineren Salons, gar in die eigenen vier Wände gebracht. Anna Radchenko spielte Franz Liszts Rossini Bearbeitungen „La ragatta veneziana“ und „Pastorella dell´alphi“. Bezaubernd schön die Franz Liszts Klaviertranskription, die Konzertparaphrase aus „Rigoletto“.

Mit drei Zugaben, darunter auch Debussy verabschiedete sich eine junge Künstlerin von der, wenn sie die für sie richtigen Wege der Musik einschlägt, sicher noch viel zu hören sein wird.

Theodor Auer

 Zeitungsbericht: Klavierkonzert mit Anna Radchenko