Schöpfungs-Hommage

Oberalteich: Klavierkunst im Kulturforum
Pressebild Susanne Anatchkova 
Bild: Susanne Anatchkova begeisterte bei ihrem Klavierkonzert in Oberalteich mit einer „Hommage an die Schöpfung“. (Foto: erö)

Eine außergewöhnliche Künstlerin mit einem außergewöhnlichen Programm, so lässt sich der Klavierabend mit Susanne Anatchkova im Kulturforum Oberalteich zusammenfassen. Schier unbeschränkt die technischen Möglichkeiten des Klavierspiels dieser Pianistin. Schwierigste, ja eigentlich unmögliche Griffe spielt Susanne Anatchkova mit einer unkapriziösen Lockerheit, wie es ihrem ureigensten Wesen entspricht. Trotz aller Geschwindigkeit bleibt der Anschlag stets sauber und präzise. Ihre eigene Künstlerpersönlichkeit lässt sie bewusst in die Interpretation einfließen, verleiht dadurch auch allbekannten Werken neue, interessante Perspektiven.

Außergewöhnlich und alles andere als „leicht verdauliche Kost“, war das Programm des Klavierabends im Kulturforum Oberalteich, durch das Gerold Huber sen. informativ und kurzweilig führte. Unter dem Titel „Hommage an die Schöpfung“ Klavierstücke von Franz Liszt, Claude Debussy, Maurice Ravel Frédéric Chopin, Edvard Grieg bis zu Kompositionen der Gegenwart, György Ligeti, Olivier Messiaen und als alles zusammenfassende, in jeder Hinsicht hochinteressante Klammer, Kompositionen des 1929 geborenen Amerikaners George Crumb. Wer nun bei der Lektüre dieser Namen denkt, das Konzert sei eine Aneinanderreihung zusammenhangloser Stücke der Romantik, des Impressionismus und zeitgenössischer Musik gewesen, kennt Susanne Anatchkova nicht! Gemäß dem Programmtitel „Hommage an die Schöpfung“ folgten die 14 Stücke den Worten der Genesis, der Schöpfungsgeschichte.

So baute ein Stück jeweils sinngemäß auf das vorhergehende auf und dies alles trotz extremster musikalischer Unterschiede. Urklänge, geheimnisvoll, kaum definierbar, die Klavierseiten teils angeschlagen, teils von Hand bedient, symbolisierten den Anfang der Schöpfung. George Crumb schuf hier ein Pendant zum „Chaos“ aus Haydns „Schöpfung“. Neben der „Litany of the Galactic Bells“ zeugte „Proteus“, „Fische“ von der Klangschöpfungsfantasie Georges Crumbs. Tasten werden mit dem Ellenbogen gehalten, zugleich das Pedal gedrückt, sodass die betreffenden Saiten in Resonanz zu den angeschlagenen Klaviersaiten frei mitschwingen und so ein unwirklich anmutendes Klanggebilde entstehen lassen. „Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“, dieser Text aus der Genesis wurde von Susanne Anatchkova auf „Les jeux d’eaux à la Villa d’Este“, die „Wasserspiele der Villa d’Este“ übertragen. Franz Liszt lebte einige Zeit in dieser Villa in Rom, durch deren Parkanlage künstliche, durch ein Hebewerk angetriebene Wasserkaskaden flossen. (Kann man auch heute noch besichtigen)! Liszt belässt es bei diesem Klavierstück nicht bei bloßer Schilderung des Plätscherns und Tropfens der Wasserfälle, sondern lässt mit der linken Hand des Spielers die Worte Jesu vom „lebendigen Wasser“ einfließen. Mit diesem Stück verlässt Franz Liszt die Romantik und öffnet das Tor für den Impressionismus, der mit Debussy seinen Höhepunkt fand. „Es werde Licht – und es ward Licht“. Niemand hat die lichtlose Zeit, die Nacht so eindrucksvoll geschildert wie Frederic Chopin in seinen „Nocturnen“, den Nachtstücken. „Ein kleines Licht, das die Nacht regiere“, so der Genesistext. Claude Debussy schildert in seinem „Claire de lune“ nicht das Mondlicht an sich, vielmehr dessen Wirkung auf die Seele des Betrachters. Susanne Anatchkova vermochte diese Wirkung mit starkem Eindruck auf den Hörer „rüberzubringen“.

Zur Schöpfung gehören natürlichauch die Jahreszeiten. György Ligeti verlangt in „Herbst in Warschau“ vom Interpreten höchstes technisches Können, verbunden mit unfehlbarem Gefühl für Rhythmen, von denen bei diesem Stück drei und auch vier übereinander, zeitgleich gelagert sind, das Ganze in einem Wahnsinnstempo! Für Susanne Anatchkova kein Problem!

Diese genannten Stücke stehen nur exemplarisch für einen Abend im Kulturforum Oberalteich, in welchem die hohe Kunst des Klavierspiels anhand schwierigster Werke zelebriert wurde.

Theodor Auer

pdfZeitungsbericht: Schöpfungs-Hommage