Bach ohne Seele, aber meisterhaftes Spiel

Alexander Maria Wagner Ist Alexander Maria Wagner Pianist, der auch komponiert, oder Komponist, der auch Pianist ist? Der junge Künstler spielte im Saal des Kulturforums Oberalteich Johann Sebastian Bach. Allein schon Grund genug, einen hochkarätigen Klaviernachmittag zu erwarten! Aber auch mit gewisser Spannung: Da freut sich der Konzertbesucher auf Musik dieses größten Komponisten, geboten wird dann ein Maschinengewehr ähnliches Gerattere, welches zwar von großer Fingerfertigkeit Zeugnis gibt, aber ohne Seele, wo doch Johann Sebastian Bach selbst größten Wert auf Gesanglichkeit legte!

Ursache für dieses Missverständnis mag in der klanglichen Natur des Cembalos liegen, bei dessen raschem Ausschwingverhalten schnelles Spiel tatsächlich unabdingbar wird. Wird jedoch Bach auf einem modernen Flügel gespielt, wieso sollten dann nicht dessen Vorzüge, das wesentlich längere Schwingverhalten der Saiten betreffend, vor allem aber die Möglichkeiten feinster Dynamikabstufungen, genützt werden und dadurch die cantile – melodische Seite der Bachschen Kontrapunkt-Architektur in den Vordergrund rücken? Diesen Wunsch erfüllte Alexander Maria Wagner in einer Weise, durch die seine Bachinterpretationen zu einem Erlebnis wurden, das durchaus neue Perspektiven der Werke eröffnete. Dies war in der „Chromatischen Fantasie und Fuge, BWV 903 zu erleben, vor allem aber in der Partita Nr. 6, BWV 839, der letzten und größten der Partiten Bachs.

Betrachtet man den Werdegang, genauer gesagt den Reifeprozess fast aller Komponisten der Vergangenheit und auch Gegenwart, ist am Anfang ein mächtiger Einfluss ihrer Vorbilder feststellbar. Irgendwann, in manchen Fällen allmählich, in anderen von einem Werk zum darauffolgenden, bricht die ureigenste Persönlichkeit des Komponisten mit dessen unverwechselbarer Musiksprache hervor. Aber sind diese Frühwerke mit ihren großen Adaptionen von anderen Komponisten geringzuschätzen, nur weil sie sich an Vorbildern orientieren? Im Gegenteil!

Im gut besuchten Kulturforum zeigte Alexander Maria Wagner in seinen eigenen Kompositionen, welch tiefen Einblick er in die Musikwelt, in die kompositorischen Techniken von Beethoven, von Richard Wagner erarbeitet hat. Wie kunstvoll hat der junge Komponist Motive aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“ mit, Lichtblitzen gleich, Takten aus Beethovens Schaffen verwoben, sodass aus kompositorisch unterschiedlichsten Techniken, den auseinanderliegenden Ären der Musikgeschichte, Klassik und Romantik, ein hamonisches und einheitlich Ganzes entstand! Die ersten fünf Takte aus Beethovens Klavierstück „Les Adieux“ gaben Alexander Maria Wagner Anlass, diese zu einer augenzwinkernden Burleske zu verarbeiten.

Auch die Kunst der Improvisation, leider, ausgenommen bei Orgel und Jazz, weitgehend in Vergessenheit geraten, beherrscht Alexander Maria Wagner bravourös, was sich in seiner Improvisation über das spätromantische, allbekannte Eichendorff-Gedicht „Mondnacht“ zeigte. Eigene Kompositionen, Johann Sebastian Bach, verbunden mit meisterhaftem Klavierspiel, all dies zusammen bescherte den Besuchern des Konzertes von „Kulturwald“ und des Vereins „Kultur und Forschung“ einen Klaviernachmittag superber Art!

Theodor Auer

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