Ein philosophischer Klavierabend

Oberalteich: Wagner gastierte

Alexander M. Wagner Mittelpunkt eines außergewöhnlichen Klavierabends im Kulturforum Oberalteich war die „Appassionata“, die Sonate op. 57 von Ludwig van Beethoven. Wer das tiefe Musikverständnis von Alexander Maria Wagner kennt, durfte eine nicht nur in technischer Hinsicht perfekte Leistung erwarten, vielmehr eine geistvoll-durchdachte Interpretation. Vor allem der philosophische Aspekt ist es, der die „Appassionata“ über andere Werke, von der „Hammerklaviersonate“ einmal abgesehen, heraushebt. Daher durfte erwartet werden, dass Alexander Maria Wagner, der ja selbst komponiert, in der Lage ist, in die schöpferische Gedankenwelt Beethovens tiefschürfend einzudringen und keinesfalls am „Außengerüst“ der Komposition hängenbleibt.

Alexander Maria Wagner enttäuschte diese Erwartungshaltung nicht. Dunkles, wogendes Auf und Ab von Moll-Dreiklängen, ein aufrüttelnder, angsteinflößender Triller, später donnernde Fortissimo-Akkorde, Kampf gegen Ungreifbares. Das Andante con moto, ein choralartiges,erhabenes Gebet. Drei Variationen des Themas folgen, die dritte Variation silbern, hoffnungsvoll glitzernd. Völlig falsch wäre es, den letzten Satz als Erlebnisse Beethovens in einer Sturmnacht zu deuten. Wie der Name dieser Sonate „Appassionata“ nicht von Beethoven stammt, so auch dieser Deutungsversuch aus romantischer Zeit, vielmehr das Generieren eigener Energie, dem Schicksal zu trotzen. Alexander Maria Wagner ließ sich nicht von den formalen Finessen Beethoven’scher Architektur blenden, sondern schälte die philosophische Dramatik der „Appassionata“ deutlich heraus.

Der erste Satz und vor allem der letzte wurden von Alexander Maria Wagner mit starkem Anschlag, der Dramatik dieses Werkes entsprechend, höchst ausdrucksvoll gespielt. Betrachtet man die Vita Beethovens, seine überlieferten Charakterzüge, die sich sicher in seinem Klavierspiel, solange er noch öffentlich auftrat, widerspiegelten, ist es durchaus denkbar, ja wahrscheinlich, dass das kraftvolle Klavierspiel, das durchaus forsche Tempo, mit dem Alexander Maria Wagner die „Appassionata“ spielte, Beethovens Intentionen sehr, sehr nahe kam: aufrüttelnd und mitreißend.

Alexander Maria Wagner kann aber auch ganz anders: Fröhlich und verspielt, flatternden Schmetterlingen gleich, ein bunter Blumenstrauß, die „Papillons“ op. 2, ein Frühwerk von Robert Schumann. Ein bunter Bilderreigen „Carnaval“, ebenfalls von Robert Schumann. Charakterzüge aus seinem Bekanntenkreis hat er hier hintergründig musikalisch gezeichnet, kunstvoll eingebaut in Wort -und Buchstabenspielereien. Mal leicht tänzelnd, mal mit feurigem Elan, energisch, so spielte Alexander Maria Wagner dem Charakter dieses Werkes entsprechend.

Eine eigene Komposition Wagners war indes „Inferno“, auf den ersten Blick hochinteressant, die Feinheiten jedoch offenbaren sich erst, hört man diese Komposition ein zweites Mal. Im Gegensatz aber zur „Appassionata“ oder zu Schumann, die man ja ausgiebig kennt, wäre es bei „Inferno“ unredlich, gleich nach einmal Hören darüber zu rezensieren.

Theodor Auer


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