Wohlklingende Klarheit

Oberalteich: Liederabend mit Gerold Huber und Andrea Höcht

Gerold Huber und Andrea Höcht Die beiden Künstler begeisterten ihr Publikum. (Foto: erö)

Vergnügten sich in der lauen Sommernacht viele an den Kiesweihern und an den Grillöfen im heimischen Garten, bereiteten Andrea Höcht-Willén und Gerold Huber junior den zahlreichen Besuchern im Kulturforum Oberalteich ein Vergnügen ganz besonderer Art: einen Liederabend der Extraklasse.

Der Mikrokosmos des Kunstliedes stellt an die Interpreten höchste Ansprüche, wie durch eine Lupe errichteten Komponisten und Dichter Empfindungswelten, welche Andrea Höcht-Willén und Gerold Huber mit Seele erfüllten. Wohlklingende Klarheit, ohne jegliche Härte, tiefe Ausdrucksfähigkeit prädestinieren die Stimme geradezu für das Kunstlied, obwohl diese Stimme, wie der zweite Teil des Abends und die künstlerische Vita von Andrea Höcht-Willén zeigte, ein sehr weites musikalisches Terrain abdeckt. Keinesfalls darf man dem Irrtum verfallen, dass das Kunstlied, wie wir ihm vor allem in der Romantik begegnen, die „kleine Schwester“ der Oper oder des Oratoriums sei, vielmehr sind diese, oftmals kurzen Miniaturen in einem Atemzug mit den großen Werken der Musikgeschichte zu nennen. Schubert, Schumann, Loewe, Mahler, um nur einige zu nennen, nahmen als Grundlage ihrer Kompositionen bevorzugt Dichtungen der berühmten Schriftsteller der Klassik, besonders aber auch der Romantik. Ließ Goethe die Vertonung des „Erlkönigs“, die ihm Franz Schubert zusandte, unbeachtet liegen, so erkannte auch er in hohem Alter, dass die Fassung in Liedform dem Feinsinn seiner Dichtung nicht abträglich war.

In sechs Liedern von Robert Schumann und in anderer Tonsprache vier Gustav-Mahler-Liedern lotete Andrea Höcht-Willén nicht nur die Texte akribisch aus, sie versah die Lieder mit großem Reichtum an Farbnuancen nicht nur oberflächlich durch ex- oder introvertierte Stimmbildung, sondern vor allem feindurchdachte dynamische Abstufungen auf engstem Raum und dem wohlüberlegt eingesetzten, wandlungsfähigen Timbre ihrer Stimme.

Wer Gerold Huber jun. als Klavierpartner, der Ausdruck „Klavierbegleiter“ ist bei diesem Künstler fehl am Platz, gewonnen hat, ist sich bewusst, dass der Klavierpart nichts mit bloßer Gesangsbegleitung zu tun hat, sondern ein eigenes, tiefer schürfendes Leben bezüglich der Deutung des Liedtextes und dessen Harmonik führt, bei vielen Kompositionen das Gesungene aus anderen Perspektiven beleuchtet. Nicht etwa, dass sich der Klavierpart vom Liedvortrag löst, vielmehr bleibt er auf das Engste damit verbunden, doch feinste Differenzen im Anschlag, in der Betonung bewirken Unterschiede in der Aussage. Dies mag durchaus auch mal augenzwinkernd gemeint sein, sehnsuchtsvoll Traurigem etwas den Schimmer von Leichtigkeit verleihen, oder aber auch umgekehrt. Gerold Huber jun. gilt nicht nur wegen dieser Kunst als einer der ganz Großen seines Faches. Ist die Heimat des Kunstliedes Deutschland, so konnten sich Andrea Höcht-Willén und Gerold Huber jun. einen Ausflug ins amerikanische Fach in Form von Songs von Cole Porter nicht verkneifen.

Palette der Extreme: „Surabaya Jonny“ von Kurt Weill! Spitzenklasse die Interpretation durch Andrea Höcht-Willén, das Wechselbad der Gefühle tiefen Hasses und trotzdem unzerstörbarer Liebe. Von tiefen Gefühlen geprägt, „Wanderers Nachtlied“ von Hans Erich Pfitzner. Ganz leise, pianissimo ließ die Sopranistin den Schluss dieses Liedes ausklingen: „Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust“! Andrea Höcht-Willén und Gerold Huber jun. schenkten dem begeisterten Publikum einen Abend, der die Hörer sicher in keiner Sekunde an „Outdoor“-Sommerabendaktivitäten denken ließ.

Theodor Auer

pdfZeitungsbericht: Wohlklingende Wahrheit