Kammermusik auf höchster Ebene

Oberalteich: Kontrasteicher Musikabend im Kulturforum

Ute Hielscher Beethoven’sche, Grenzen sprengende Urkraft, die es vermag, Unvereinbares zusammenzuschmieden, die tiefe Gefühlswelt von Brahms, die mit dem Begriff Romantik nur unzureichend umschrieben ist, der die Herzen erfreuende Wohlklang der Musik von Mendelssohn Bartholdy trafen sich im Rahmen der Kulturwald-Festspiele im Kulturforum Oberalteich zu einem, wie bereits aus der Auswahl der Komponisten hervorgeht, äußerst kontrastreichen Kammermusikabend, welcher ohne Übertreibung zur Spitze der Darbietungen im Kulturforum Oberalteich zu zählen ist. Spitze, die sich nicht in der Programmauswahl, Johannes Brahms, Violinsonate Nr. 1, op. 78, Ludwig van Beethoven, Sonate für Klavier und Violoncello, op. 102 Nr. 2, und Felix Mendelssohn Bartholdy, Trio für Klavier, Violine und Violoncello op. 49, manifestiert, sondern sich in besonderer Weise auf die Leistungen der Künstler, Professor Gottfried Schneider, Violine, Uta Hielscher, Klavier, und Sebastian Hess, Violoncello, bezieht.

Versucht man, Beethovens Werk über seine drei Schaffensperioden hinweg zu analysieren, so lässt sich vor allem zwischen der mittleren und letzten Periode eine sich steigernde Hinwendung von der strengen architektonischen Form, der alles untergeordnet wurde, zur freien Formgestaltung feststellen, natürlich unter Beibehaltung Beethoven’scher kraftvoller Musiksprache, die sich deutlich im Allegro con brio der Cellosonate op. 102, Nr. 2 äußerte. Nie hat der Rezensent den 2. Satz, das Adagio molto sentimento d’affetto, in so großartiger Interpretation wie durch Sebastian Hess, Violoncello, und Uta Hielscher am Klavier gehört: Voller Spannung, zugleich jedoch in leisen Tönen, in sich selbst ruhend, Kunst, die übliche Interpretationen, auch solche auf CD-Aufnahmen, weit hinter sich lässt. An einen ruhig dahinfließenden Strom mit sanften Wellen erinnert der 1. Satz der Violinsonate Nr. 1, op. 78 von Johannes Brahms, ein Fluss, der seine Kraft am Ende dieses Vivace ma non troppo voll entfaltet. Durch alle drei Sätze hindurch erscheint das Grundthema, eine liedhafte Urzelle, betrachtet aus unterschiedlichen Perspektiven. Gottfried Schneider malte mit seiner Violine ein fantastisches Gemälde aus Musik, eine Welt voller Gefühl, was keinesfalls mit Sentimentalität verwechselt werden darf. Ein Zitat aus der Arie der Sieglinde in Richard Wagners Oper „Die Walküre“ kam mir bei der Interpretation des 2. Satzes, dem Adagio, durch Gottfried Schneider und Uta Hielscher in den Sinn: „Tränen und Trost zugleich!“

Das vollendete Zusammenspiel der Klavierkunst von Uta Hielscher, das sich nicht nur in Exaktheit, sondern in besonderer Weise im musikalischen Ausdruck und im Einklang mit den dynamischen Steigerungen äußerte, zeigte diese sowohl bei Brahms, Beethoven als auch Mendelssohn Bartholdy als hervorragende Pianistin, die voll im innersten Wesen dieser Werke aufging. Uta Hielscher, Gottfried Schneider und Sebastian Hess zeigten im Trio op. 49 von Mendelssohn Bartholdy wie Klavier, Violoncello und Violine ineinander aufgehen, zu einem Ganzen verschmelzen unter Wahrung des jeweiligen ureigensten Charakters, bezogen nicht nur auf die Klangfarben und Tonerzeugung der Instrumente. Dieses ineinander Aufgehen mit gleicher interpretatorischen Aussage ließ das Trio op. 49 zu einem wahren Genuss werden. Kammermusik auf höchster Ebene, so lässt sich das Konzert der Kulturwald-Festspiele treffend bezeichnen.

Theodor Auer

pdfZeitungsbericht: Kammermusik auf höchster Ebene