Die Zeit der Bajuwaren

Oberalteich: Vortrag im Kulturforum über Reihengräberfeld

Willi Goetz Vortrag Reihengräberfeld: Hobbyarchäologe Willi Goetz referierte über das bajuwarische Reihengräberfeld in Straßkirchen. (Foto: erö)

(erö) Mit hörbarer Begeisterung berichtete Willi Goetz, Schulamtsdirektor a. D. und Hobbyarchäologe aus Straßkirchen, im Kulturforum Bogen-Oberalteich über die sechs langen Jahre der Ausgrabungsarbeiten eines bajuwarischen Reihengräberfeldes in seinem Garten. Veranstalter war der Förderverein für Kultur und Forschung Bogen-Oberalteich, dessen Vertreter Hans Neueder in den Vortrag einführte und Fachliteratur zum Thema Bajuwaren vorstellte. Zunächst definierte Goetz die Bajuwaren als „Bevölkerung Oberbayerns, von Teilen Niederbayerns, der Oberpfalz, Österreichs und Südtirols vom 6. bis Ende 8. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Agilolfinger Herzöge“ (Haas-Gebhard). Unter „Baju varii“ seien wahrscheinlich „Bewohner, Krieger, Menschen aus Baia“ zu verstehen.

Mit Bildern und Karten machte Goetz die Lage der Ausgrabungen deutlich, die von 1988 bis 1993 auf einem Areal in der Ortsmitte von Straßkirchen vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege durchgeführt wurden. Unermüdlich und mit größtem Fingerspitzengefühl habe Grabungsleiter Otto Karl gearbeitet, sagte Goetz. Nach Ausführungen über Ausgrabungen früherer Epochen, über die Christianisierung, über erste Nennungen der Bajuwaren, über Häuser, Höfe und Dörfer, die Vielfalt der Landwirtschaft, das Aussehen der Bajuwaren, ihre Sprache, Handwerkskunst und Waffen erwähnte Goetz den Fund eines rechteckigen, hölzernen Gebäudes, womöglich einer Kapelle, die mit dem Totenkult in funktionalem Zusammenhang gestanden habe.

402 Gräber, darunter mehr als hundert Kindergräber, mit 405 Bestatteten aus der bajuwarischen Phase, konnten auf dem Gräberfeld geborgen werden. Trotz zahlreicher Grabraube fanden sich neben den Skeletten eine Menge Objekte wie Schmuck, Waffen und Geräte des Alltags. In seinem anschaulich mit Bildern gestalteten Vortrag schilderte Goetz kurzweilig den Ablauf der Grabungen und die Freude über die zahlreichen Entdeckungen. Interessante Schlüsse seien gezogen worden: so habe die Säuglingssterblichkeit überraschend niedrig gelegen, vermutlich wegen guter hygienischer Verhältnisse und einer langen Stillzeit. Interessant auch die Grabbeigaben schon für Kinder: Mädchen wurden mit Geräten zur Textilherstellung, Jungen mit kleinen Waffen begraben. Anthropologen wie Kerstin Kreuz sei es gelungen, von den Skeletten auf Abstammung und Arbeitsweise, auf Ernährung und Krankheiten der Menschen wie Karies und Arthrose zu schließen. Die Männer waren bis 1,80 Meter, die Frauen 1,62 Meter groß, die Kinder meist gut ernährt. Winzige Textilreste beweisen, dass die Menschen schon damals Stoffe aus Indien und China besaßen.

Da die Funde lange Zeit unrestauriert in München in der archäologischen Staatssammlung lagerten, wurde Goetz noch einmal aktiv: Er sammelte, unterstützt von der Gemeinde Straßkirchen und dem damaligen Bürgermeister Eduard Grotz, mehr als 52000 Euro zu Restaurierung und Erhalt des Schatzes. Ein Teil dieser Funde ist bereits restauriert und in einer Sonderausstellung bis Anfang Oktober im Gäubodenmuseum in Straubing zu sehen. Zur Freude aller Beteiligten wurde abseits des Gräberfeldes das unberaubte Doppelgrab eines jungen Adelspaares gefunden mit kostbaren Grabbeigaben wie Wurfaxt und Kamm, mit reich verzierten, goldenen Fibeln und einem Tischmesser, mit Perlen aus Glas, Bernstein und Meerschaum und zwei einzigartigen, gläsernen „Rüsselbechern“.

Mit diesen Abbildungen der verschiedensten Grabbeigaben ließ Goetz die Zeit der Bajuwaren lebendig werden: Geräte wie ein Hobel, Messer, Pinzette und Kämme, Schilde, Kurz- und Langschwerter, Fibeln, Ringe und Perlen seien gefunden worden, besonders geformte Keramik wurde entdeckt. Der Fundkomplex in Straßkirchen, der nur einen kleinen Teil des tatsächlichen Gräberfeldes umfasst, bestätige die kunsthistorische Bedeutung der Ausgrabung und lasse den Schluss zu, „dass im Gäuboden die Wiege der Bajuwaren stand“, sagte Goetz. Dem schloss sich eine lebhafte Diskussion an.


pdfZeitungsbericht: Die Zeit der Bajuwaren