Enorme Bandbreite musikalischen Ausdrucks

Oberalteich: Posaunenquartett Opus 4

Opus4 Wenn die Posaunen erschallen, kommt entweder das Ende der Welt, oder es beginnt die Weihnachtszeit. Keines von beiden tritt jedoch zwingend ein, wenn das Posaunenquartett „Opus 4“ ihre Instrumente schmettern lässt. Doch auch das Wort „schmettern“, wie bei Posauentönen oft gebraucht, ist bei Jörg Richter, Dirk Lehmann, beide vom weltberühmten Gewandhaus Orchester Leipzig, Wolfram Kuhnt, Bassposaunist der Staatskapelle Halle und Stephan Meiner fehl am Platz:

Die vier Musiker lassen ihre Instrumente in feinster, differenzierter Tongebung singen, von strahlend bis zärtlich weich. Diffizile dynamische Abstufungen tragen zu einem eindringlichen, berührenden Interpretationserlebnis bei, zu welchem auch die Tatsache zählt, dass die Instrumente in ihren unterschiedlichen Tonlagen von ein und derselben Instrumentenbaufirma stammen und daher homogene Klangcharakteristika haben. Besonders begeisternd war der erste Teil des Abends mit Musik aus der Renaissance- und Barockzeit, teils Originalkompositionen für Posaunen, teils Bearbeitungen von Werken, die ursprünglich für andere Instrumente geschrieben wurden. Die Arrangements dieser Kompositionen für Posaunen waren durchdacht und wahrten den Charakter der Originale, ja, sie ließen in manchen Stücken Details sogar noch deutlicher erkennen und nachvollziehen als die ursprünglichen Notentexte. So konnte man Johann Sebastian Bachs „Superhit“, die Toccata und Fuge, d-Moll BWV 585, für Orgel komponiert und bisher ausschließlich auf diesem Instrument zu hören, in der kunstvollen Bearbeitung für vier Posaunen aus einem ganz anderen Blickwinkel erleben.

Die immensen Schwierigkeiten der Interpretation besonders der Fuge durch Blasinstrumente stellten für „Opus 4“ kein Problem dar. Das Emporsteigen der Seele, ausgedrückt in treppenartig aufsteigenden Tonschritten in „Meine Seele erhebt den Herrn“, dem deutschen Text des Magnificats von Heinrich Schütz, im Urtext komponiert für Männerchor, konnte in der Version für Posaunen deutlich nachvollzogen werden.

Claudio Monteverdis „Gloria“ von 1641 ließ die Pracht der Musik der Renaissancezeit erhaben erstrahlen. Von Ideenreichtum strotzend war die fünfsätzige Suite des außerhalb von Fachkreisen wenig bekannten Meisters Claude Gervaise aus dem 16. Jahrhundert, wunderschön der zweite Satz, nach alter Manier der Renaissance und auch noch der folgenden Frühbarockzeit, die Echowirkungen des dritten Satzes dieser Suite. Don Carlo de Gesualdo (1516 bis 1613), der große Meister der Madrigalkunst und Thomas Luis de Victoria rundeten ein Programm ab, das die Herzen von Liebhabern Alter Musik höher schlagen ließ – nicht nur aufgrund der Werke, sondern auch durch die Posaunenspielkunst von Jörg Richter, Dirk Lehmann, Wolfram Kuhnt und Stephan Meiner.

Im wahrsten Sinne des Wortes beschwingt war nach der Pause Musik des 20. Jahrhunderts zu hören, ein Beispiel der Vielseitigkeit des Posaunenquartetts „Opus 4“. Allem voran Shakespeares „Romeo und Julia“ in der Sprache und in der Welt um 1950 spielend: „West Side Story“ von Leonard Bernstein. Das Medley aus diesem Musical, arrangiert von Daniel Sutton beeindruckte vor allem durch die äußerst gefühlvolle Bearbeitung des berühmten „Maria“.

Mit Augenzwinkern gespielt, aber nichtsdestotrotz kunstvoll, war eine Kaffeestunde mit Anna Magdalena Bach, eine Komposition speziell für „Opus 4“ von Bernhard Krol (1920 bis 2013). Natürlich durften in einem Musikprogramm des 20. Jahrhunderts George Gershwin und Irving Berlin (Alexanders Regtime Band) nicht fehlen.

Musik aus fünf Jahrhunderten: „Opus 4“ zeigten im Konzert des Vereins Kultur und Forschung im Saal des Kulturforums Oberalteich die enorme Bandbreite musikalischen Ausdrucks kunstvollen Posaunenspiels.

Theodor Auer

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