Gitarre und Piano

Oberalteich: Neuland auf 236 Saiten

Chris Gall und Andreas Dombert Bild: Neuland - Mit einem ungewöhnlichen Jazz-Konzert überraschten Chris Gall (Piano) und Andreas Dombert (Gitarre) ihre Zuhörer. (Foto: erö)

Üblich bestehen Jazzformationen aus Bass, Piano, Saxofon. Die grundverschiedenen Klangcharakteristika dieser Instrumente verleihen dieser Stilrichtung ihr typisches Flair. Ähnelt sich der Ton von Instrumenten, fehlt die spannungserzeugende Komponente, so jedenfalls ist der logische Gedankengang. Piano und Gitarre erzeugen Schwingungen durch Anschlagen, die Gitarre durch Zupfen von Saiten. Die Tonbildung ist bei beiden Instrumenten ähnlich, so ist bei der Kombination von Gitarre und Klavier gewisse Skepsis betreffend der klanglichen Gestaltungsmöglichkeiten angesagt. So ungewöhnlich die Verbindung Klavier und Gitarre ist, so ungewöhnlich ist die Musik, die die beiden Künstler Andreas Dombert und Chris Gall in den Saal des Kulturforums Oberalteich zauberten. Bildete Jazz in erweitertem Sinne zwar die Grundlage der Stücke, so überschritten die beiden Musiker dieses Genre durch ihre, bis auf wenige Ausnahmen, Eigenkompositionen. Keineswegs vermischten sie verschiedene Stilrichtungen zu etwas Undefinierbarem, vielmehr schufen sie mit ihren Stückes wirklich Neues. Waren bei der ersten Komposition ganz entfernt leise Anklänge an den Beginn des ersten Teils des „Wohltemperierten Klaviers“ von Bach wahrzunehmen, im weiteren Verlauf mit Jazz-Elementen, so lag bei weiteren Stücken die klassische Sonatenform zugrunde, wobei vielmals die Reihenfolge der Tempi geändert wurde: langsam – schnell – langsam, die den Kompositionen in sich selbst ruhenden Ausdruck verlieh. Faszinierend, wie sich Gitarre und Klavier miteinander verwoben, verschmolzen. Musik, die sowohl zum Träumen einlud, als auch die Möglichkeit bot, das dichte Klanggewebe mit seinen vielen Überraschungen zu verfolgen.

In den 60er-Jahren entstand eine neue Kompositionstechnik, die Minimalmusic, die nicht mit den üblichen Tonschritten arbeitet, sondern mit kleinsten Veränderungen der Töne. Dadurch wachsen aus kaum wahrnehmbaren Veränderungen neue, kaum vorhersehbare klangliche Gebilde. Angelehnt an Minimalmusic spielte Andreas Dombert durch kleine Veränderung der Akkorde auf seiner Gitarre eine hochinteressante Eigenkomposition. Mut zum Experimentieren bewiesen Chris Gall und Andreas Dombert ebenfalls mit einem Stück, dessen Basis auf nur einem Ton auf der Gitarre ruhte, begleitet von Melodiefragmenten auf dem Piano.

„Neuland auf 236 Saiten“ lautete der Titel des Konzerts: Nicht nur die Kombination Gitarre und Piano war Neuland, besonders auch die intellektuell durchdachten Kompositionen. Nicht zuletzt war es das großartige Können von Chris Gall auf dem Flügel und Andreas Dombert mit der Gitarre, das den Abend im Kulturforum Oberalteich zu etwas ganz Besonderem werden ließ.

Theodor Auer

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