Ein Haltepunkt im Zeitenstrom

Oberalteich: Vortrag im Kulturforum – „Gab niemals mehr Bräuche als heute“

Professor Daniel Drascek Der Regensburger Professor Daniel Drascek sprach im Kulturforum über winterliche Brauchkulturen. (Foto: erö)

Im kleinen Kreis, aber mit sehr interessierten Zuhörern, fand der Vortrag zum Thema „Winterliche Brauchkulturen – zur kulturgeschichtlichen Bedeutung der Bräuche zwischen Martinstag und Epiphanie“ im Kulturforum Bogen-Oberalteich statt. Referent war Professor Dr. Daniel Drascek vom Lehrstuhl für vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg, eingeladen hatte der Förderverein für Kultur und Forschung Bogen-Oberalteich.

Gefragt wurde: „Was steckt hinter unseren Bräuchen zwischen Sankt Martinstag und Dreikönig?“ und „Hat diese Brauchtums-Kultur heute keine Bedeutung mehr?“ Die Antwort Drasceks war eindeutig: „Bräuche sorgen mit ihrer festen, zeitlichen Bindung bis heute für eine zyklische Strukturierung im Jahresablauf und sind ein wichtiger Bestandteil unseres Kulturerbes.“ Entgegen der allgemeinen Meinung habe es niemals mehr Bräuche gegeben als heute, betonte Drascek. Brauchtum sei das, was einen Tag von anderen unterscheide, ein Haltepunkt im Zeitenstrom. Wichtig sei auch der Wiederholungsfaktor.

Drascek wies auf die Zusammenhänge zwischen den kirchlichen Festen Weihnachten, Epiphanias und Ostern hin: Vor den Fastentagen seien beispielsweise noch einmal viele fette Speisen gegessen; der Brauch des Laternengehens zu Martini gehe auf die biblische Aufforderung „sein Licht leuchten zu lassen“ zurück. Falsch sei die Annahme, dass die meisten Bräuche bis in die germanische oder keltische Zeit zurückgehen. Neuere Forschungen hätten gezeigt, dass die frühneuzeitlichen Bräuche fast alle christlich geprägt waren und gezielt auf die beiden Hochfeste Ostern und Weihnachten Bezug nehmen. Durch den Prozess der Modernisierung sei allerdings die kulturgeschichtliche Bedeutung von Bräuchen weitgehend in Vergessenheit geraten.

Drascek machte deutlich, dass der Nikolaus, im 13. Jahrhundert der „Superheilige“, im Kern zu Weihnachten führt, und dass die Bescherung ursprünglich am Nikolaustag stattfand. Was sich in vielen Heiligenlegenden und Nikolausspielen bis heute spiegele. Gegenfiguren waren Teufel, Hexen und der Tod. Im Lauf der Aufklärung wurden derartige Spiele verboten. Noch später wurde der Heilige profanisiert bis hin zum „Herrn Winter“ mit Bart, Sack und Rute. Auch zum Brauch des Weihnachtsbaumes gab es Wissenswertes zu hören: Bereits im 6. Jahrhundert sind Ausgaben für einen Baum belegt, der am 24. Dezember als Paradies- und Sündenbaum geschmückt und am 25. Dezember schon wieder abgeschüttelt wurde. „Denn da kam Christus, das Licht, in die Welt.“

Im 18. Jahrhundert erhielt der Christbaum eine neue Definition als Geschenkfest der Adeligen, weg von der Geschenktradition des heiligen Nikolaus, berichtete Drascek. Heute sei der Weihnachtsbaum eine Chiffre für die moderne Konsumgesellschaft und habe sogar als acht Millionen Euro teurer Christbaum in einem Hotel-Palast der Arabischen Emirate einen Platz gefunden.


(erö)

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